Kopfschmerzsymposium Bad Gastein 2014
Jannis Müller, Medizinstudent 5.Jahr, Basel
Im Rahmen meiner Masterarbeit und dank der grosszügigen Unterstützung der Schweizer Kopfwehgesellschaft SKG konnte ich am vergangenen Wochenende das Kopfschmerzsymposium in Bad Gastein besuchen. Für mich war dies eine neue Erfahrung: Zum ersten Mal war ich an einem Kongress, welcher sich mit einem so spezifischen Thema wie dem Kopfweh befasste, und der vor allem an praktizierende Ärzte, und nicht an Studenten gerichtet war. Der Unterschied zu einem Studentenkongress, geschweige denn zum Studentenalltag war dann auch in der Stimmung deutlich zu spüren. Auf der einen Seite bestanden zwar sehr viele Ähnlichkeiten, so zum Beispiel die ähnliche Herangehensweise an die medizinische Materie, der dichte Informationsfluss, und die Art der Vorträge und PowerPoint-Präsentationen. Auf der anderen Seite waren aber auch deutliche Unterschiede zu erkennen: Während in den ersten Jahren des Medizinstudiums die physiologischen und im späteren Verlauf die pathophysiologischen Aspekte vermehrt beleuchtet werden, befand sich nun eine weitere Ebene im Zentrum des Interesses. Der Fokus war nun vornehmlich auf die praxisnahen Bereiche der Epidemiologie, der fächerübergreifenden Diagnostik und der innovativen Therapie gelegt.
Während im Studentenleben die Motivation an einer Vorlesung teilzunehmen wohl meist im bestehen der nächsten Prüfung zu suchen ist, war hier ein anderer Antrieb zu spüren: So ging es hier darum, das eigene Konzept eines Krankheitsbildes um ein weiteres Puzzleteil zu ergänzen, um so in den kommenden Tagen noch besser auf die Patienten eingehen zu können und ihnen eine Therapie nach neuestem Stand der Wissenschaft anzubieten. Dies resultierte in einer regelrechten Leidenschaft sich auszutauschen bzw. die eigenen Ansätze zu vermitteln. So entstanden praktisch nach jedem Vortrag angeregte und hochstehende Diskussionen, die leider aus zeitlichen Gründen häufig unterbrochen werden mussten.
Das gemeinsame Thema Kopfschmerz wurde nun von den Dozierenden sowohl aus einem neurologischen, als auch aus verschiedenen anderen medizinischen Blickwinkeln vorgetragen: So berichtete uns Frau Dr. Lechner über Migräne im Lebenszyklus der Frau, den diskutierten Zusammenhang mit Östrogenen, und dem somit assoziierten, erhöhten cardiovaskulären Risiko. Frau PD Dr. Zebenholzer gab uns neue Informationen über epidemiologische Daten bezüglich Lifestyle und Trigger von Kopfschmerzen, und die damit verbundenen Schwierigkeit, eine wirklich kausale Beziehung von Trigger und Kopfschmerz herzustellen, da die subjektive Zuschreibung eines angeblichen Triggers im Prodrom eventuell erhöht ist und somit einem starken Recall-Bias unterliegt. Über neuere Mechanismen der Schmerzentstehung berichtete uns Herr Prof. Dr. Staube, ebenso über muskuläre Symptome im Rahmen einer Kopfschmerzproblematik, und die zentrale Frage ob der Ursprung des Kopfschmerzes primär im zentralen oder peripheren Nervensystem zu suchen sei.
Ein jedes Mal wurde also die gleiche Thematik aus einem anderen Blickwinkel geschildert und auch interpretiert. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen an die gemeinsame Thematik beweist sowohl die Komplexität und die Berechtigung des Themas an sich, als auch auch die Wichtigkeit der kollegialen, ärztlichen Zusammenarbeit.
In einem weiteren Schritt wurden nun die neusten Ergebnisse aus der Forschung präsentiert. So kamen wir in den Genuss von neuen Erkenntnissen über den Höhenkopfschmerz, welche uns Herr Prof. Dr. Brössner anhand einer Studie in einer Höhenkammer in Innsbruck schilderte. Die Sonardarstellung der Nervi occipitales, welche für die Blockade ebendieser im Praxisalltag sehr hilfreich sein kann, wurde uns von Frau Dr. Lieba-Samal präsentiert. Sehr interessante Daten lieferte uns auch Herr Prof. Dr. von Kries, der zeigte, dass schon eine einstündige Prävention bei Schülern eine deutliche Reduktion der Kopfschmerzinzidenz bewirken kann. Die präsentierte Number-needed-to-treat von 16 unterstreicht die deutliche Wirksamkeit.
Neue Ansätze der visuellen Störungen im Rahmen der Migräne und das seltene Krankheitsbild des „visual snow“ wurde uns von Dr. Schankin präsentiert. Hier ist vor allem die vermutete Beteiligung des Gyrus lingualis an den visuellen Symptomen hervor zu heben. Neue Erkenntnisse aus der biomedizinischen Forschung und der Beteiligung von CGRP in der Pathophysiologie wurde uns eindrücklich von Prof. Dr. Messlinger geschildert.
Die Therapieoptionen bei chronischer, refraktärer Migräne sind begrenzt. Hierfür zeigten uns Herr PD Dr. Sandor und Herr Dr. Heinze die aktuelle Datenlage bezüglich der Second-Line Therapie der Okzipitalnervstimulation und deren Implantationsweise. Eine zweizeitige Implantation der Elektroden scheint hierbei bezüglich der Wirksamkeit von Vorteil zu sein, während dabei im Vergleich zur einzeitigen Implantation die Komplikationen leicht zunehmen.
Anschliessend wurden weitere, alternative Therapieformen dargestellt. So wurden von PD Dr. Gaul Herangehensweisen der Komplementärmedizin präsentiert, mit deren zum Teil sehr guten, zum Teil umstrittenen Wirksamkeit. Ein weiterer, ganz wichtiger Teil wurde von PD Dr. Lahmann besprochen, nämlich die Wichtigkeit der Psychosomatik bei Kopfschmerzen sowohl in der Pathophysiologie, in der Diagnostik respektive dem Patientengespräch als auch der Therapie.
Prof. Dr. May beschrieb uns in philosophisch angrenzender Manier in einem Gastvortrag eindrücklich seine Ansichten der Neurologie und Neurobiologie und hielt uns an, unsere mentale Fitness und Flexibilität nicht zu verlieren um so, ebendiese bis ins hohe Alter bewahren zu können.
Ein für mich besonderer Moment war auch die Präsentation unserer eigenen Studienergebnisse durch Dr. Magon, welche eine geringere Dicke der grauen Substanz u.a. im Sulcus centralis bei Migränepatienten postulierten. Es war für mich ein positives Gefühl, ebenfalls einen Input geleistet zu haben, aber umgekehrt auch das Interesse der anderen Teilnehmenden zu spüren.
Um auf einem Kopfschmerzsymposium neben Migräne, Spannungskopfschmerzen und Trigeminusneuralgie nicht die ganze Gruppe von Differentialdiagnosen aus den Augen zu verlieren, hielt uns Prof. Dr. May einen Vortrag mit dem passenden Titel „Magen-Rücken-Stimmung: alles Kopfschmerzen?“ und auch in den folgenden, sehr spannenden Fallpräsentationen von eher seltenen Kopfschmerzursachen wurde das Kopfweh wieder in den breiteren Kontext der Medizin gestellt. So wurde unter anderem die Verbindung zur Virologie anhand eines Zosters durch Prof. Dr. Sturzenegger, oder der Bezug zur Psychiatrie anhand eines seltenen Münchhausen-Syndroms durch PD Dr. Förderreuther dargestellt.
In einem letzten Teil hatten wir Teilnehmer die Möglichkeit, an verschiedenen, praxisnahen Kursen teilzunehmen. Hier stand die psychosomatische Gespr.chsführung im Praxisalltag oder die Durchführung einer Biofeedbackbehandlung zur Auswahl. In einem zweiten Kursabschnitt konnte man sich noch einmal zwischen einem Kieferuntersuchungskurs oder einem Kurs über die Behandlung von Botolinumtoxin im Rahmen der Migränetherapie entscheiden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Symposium für mich wohl ein eindrücklicher Einblick in die Zukunft war. Dies sowohl im inhaltlichen Sinne, wie auch in der medizinischen, fächerübergreifenden und doch fokussierten Arbeitsweise. So wurde der wissenschaftliche Fortschritt, aber auch die Praxisnähe und wohl auch die für die Praxis wichtigen Aspekte für mich besser greifbar. In diesem Sinne: Weg von den Lehrbüchern, hinein in die Realität.
_____________________________________________________________________________
Symposium Kopfweh – interdisziplinär
Am 24. Oktober 2013 veranstaltete die Schweizerische Kopfwehgesellschaft (SKG) in Kooperation mit dem Universitätsspital Basel ein erfolgreiches Symposium zum Thema „Kopfweh – interdisziplinär“ mit mehr als 100 Teilnehmern. Die Beiträge der Referenten aus verschiedensten medizinischen Disziplinen sowie die angeregte Diskussion zeigten, dass Kopfweh tatsächlich ubiquitär in der Medizin wichtig ist und doch die Differenzialdiagnose und Therapie in den verschiedenen Fächern sehr unterschiedlich aussieht. So konnte die Brücke von überwiegend somatisch geprägten Krankheitsbildern bis zu psychosomatischen Aspekten bei Kopfwehpatienten geschlagen werden. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch zum 2. Mal das mit CHF 5 000,- dotierte Hans-Ruedi Isler Forschungsstipendium vergeben. Mit diesem Stipendium sollen Nachwuchsforscher aus der Schweiz gezielt bei der Durchführung kleinerer Studien unterstützt werden. Aus einer Reihe sehr guter Einsendungen war 2013 die Arbeit von Dr. Maria Auer vom Universitätsspital Zürich ausgewählt worden. Im Rahmen eines Vortrages stellte Auer ihr interessantes Projekt „Migraine and Mitochondriopathy – a proof of concept study“ vor. Ferner wurden die Therapieempfehlungen der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft aktualisiert. Sie werden in Kürze gedruckt erscheinen bzw. auf der Webseite der Gesellschaft abrufbar sein (www.headache.ch).
Prof. Dr. Till Sprenger
Leitender Arzt
Neurologisch-Neurochirurgische Poliklinik
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4, CH-4031 Basel
Tel. +41/613286386
till.sprenger@usb.ch
_____________________________________________________________________________
26. Jahrestagung der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft in Zürich
Bei der diesjährigen Tagung der Schweizerischen Kopfschwehgesellschaft ging es hauptsächlich um effizientere Therapien bei chronischen Kopfschmerzen, insbesondere bei chronischer Migräne.
Ein weiteres Schwerpunktthema war auch die Frage, ob man mit chronischen Kopfschmerzen arbeiten kann.
Spuren im Gehirn
Hinterlassen chronische Schmerzen Spuren im Gehirn?
Dieser Frage ging Dr. F. Riederer in seinem Referat nach. In dem von ihm vorgestellten Forschungsprojekt wurde mit MRI-Bildern aufgezeigt, dass chronische Schmerzen Veränderungen im Gehirn verursachen, und diese sich auch wieder zurückbilden, wenn die Schmerzen verschwinden. Das Verfahren dient jedoch lediglich der Forschung und ist nicht für den Einzelfallnachweis geeignet.
Chronisches Kopfweh macht arbeitsunfähig
Prof. A. Siegel und Dr. H. Stöckli zeigten in einer interessanten Debatte über die Frage: „Chronisches Kopfweh macht arbeitsunfähig“, dass die Diagnose alleine nicht ausreicht, um eine Arbeitsunfähigkeit bei chronischen Kopfschmerzen zu begründen.
Viele Patienten kommen zum Arzt und wollen ein Zeugnis für Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Kopfschmerzen. Doch um ein solches ausstellen zu können, muss der Arzt wissen, wie der Arbeitsplatz aussieht. Welche Leistungen und welche Präsenzzeiten gefordert werden. Die Arbeitsunfähigkeit ermittelt sich daher aus der (noch) zu erbringenden Leistungsfähigkeit in Prozenten und der Stunden, die pro Tag gearbeitet werden können.
Muss ein Patient krankgeschrieben werden, so erfordert das auch, dass man diese Krankschreibung regelmässig überprüft. Auch Patienten sollten sich bewusst sein, dass man schneller aus dem Arbeitsmarkt fällt, wenn man über längere Zeit vollständig krankgeschrieben ist, als wenn man nach einer Therapie wieder versucht, teilweise Fuss zu fassen.
Die Haltung des Arztes und der Therapieerfolg
Dr. Ch. Schopper griff in seinem Referat das Thema des Verhältnisses Arzt – Patienten auf.
Oft scheitern Therapien am Widerstand des Patienten. Diese Widerstände basieren oft auf Missverständnissen oder auf schlechten Erfahrungen mit Ärzten. Darunter fallen eigene oder solche die nahestehende Verwandte gemacht haben. Auch die Tatsache, dass Kopfschmerzpatienten die leidvolle Erfahrung gemacht haben, dass sie nicht ernst genommen werden, beeinflusst das Verhältnis zum Arzt. Dr. Schopper plädierte dafür, dass Ärzte sich mehr Zeit nehmen sollten, solchen Widerständen auf den Grund zu gehen und allfällige Zweifel und Ängste zu beseitigen, um den Weg für eine erfolgreiche Therapie freizumachen. Dazu müssen seiner Meinung nach die „Somatiker“ auch etwas von Psychologie verstehen und die „Psychiker“ sich auch vermehrt mit der somatischen Seite der Leiden befassen.
Integrierte Versorgung als Zukunftsmodell
Dr. C. Gaul aus Deutschland stellte am Beispiel des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums der Universitätklinik Essen die integrierte Versorgung als Zukunftsdmodell vor.
Integrierte Versorgung von Kopfschmerzpatienten erfordert neue Infrastrukturen, flexiblere Verwaltungen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit von Institutionen und niedergelassenen Ärzten. Anfängliche Mehrkosten würden sich schnell durch weniger Arbeitsausfälle und grössere Therapieerfolge amortisieren. Ausserdem können solche Modelle dem grossen Widerstand von Patienten (86% wollen keine Prophylaxe) gegen die Prophylaxe entkräften.
Der Vorteil der integrierten Versorgung liegt darin, dass man mehr Zeit hat für den Patienten, dass die Abklärung durch mehrere Fachrichtungen (interdisziplinär) erfolgen kann und auch längere Aufenthalte zur Etablierung einer Therapie möglich sind.
Viele verzweifelte Patienten glauben, wenn sie nur ins Spital könnten, dann würde ihnen geholfen. Das ist laut Dr. Gaul ein Irrtum. Akutspitäler sind nicht auf die Behandlung von Kopfschmerzpatienten ausgerichtet. Wenn überhaupt ein stationärer Aufenthalt angezeigt ist, dann nur in einer Klinik, die speziell auf Kopfschmerzen und nicht Schmerzen generell ausgerichtet ist.
Zur Zeit gibt es in der Schweiz kein solches Angebot mehr. Ein entsprechendes Projekt ist jedoch in Planung.
Neues zur Therapie mit Neurostimulatoren
Dr. A. Gantenbein von der Kopfschmerzambulanz des Unispital Zürich stellte einen neuen Fall eines Clusterpatienten, bei dem die Occipitalnervstimulation ONS durchgeführt wurde, vor. Die Attackenfrequenz ging unmittelbar nach dem Eingriff von 6 auf 1-2 pro Tag zurück.
Bevor eine ONS durchgeführt wird, bedarf es aber umfassender Abklärungen. Nach wie vor ist die OP nicht für jeden Clusterpatienten geeignet. Somit können auch jene beruhigt sein, die befürchten die ONS könnte ihnen durch die Sozialversicherungen wegen der verschärften Gesetzgebung als „zumutbare“ Therapie aufgezwungen werden.
Ob die ONS für Migräniker geeignet ist, weiss man noch nicht. Dazu ist die Datenlage noch zu wenig aussagekräftig.
News, Zahlen und Fakten
Nach wie vor geht man davon aus, dass nur für 50% der Migräniker eine wirksame Akuttherapie erhalten (bei der medikamentösen Prohphylaxe ebenfalls). Das neue Migränemedikament, das auf den Markt kommt, zeigt keine höhere Wirksamkeitsrate in den bisherigen Studien. Das führt dazu, dass Patienten nach jedem Strohhalm greifen, der ihnen teils durch zweifelhafte Quellen angeboten wird. Fakt ist nun mal, dass Kopfschmerzpatienten nicht eine Linderung ihres Leidens wollen, sondern gar keine Schmerzen mehr. Die Verfasserin dieses Berichtes schliesst sich da nicht aus.
Trotzdem empfiehlt die SKG keine der Operationen, die für Migräne angeboten werden. Alle invasiven Therapien konnten bis jetzt den Beweis einer Wirksamkeit, die über die zweifelhaften Einzelfallberichte hinausgehen, nicht erbringen. Es wird also nach wie vor davon abgeraten, sich unter’s Messer zu legen.
Wer neu an heftigen oder länger andauernden Kopfschmerzen leidet, sollte sich zuerst beim Hausarzt melden und von diesem die Kopfschmerzen abklären lassen. Handelt es sich bei den Kopfschmerzen nicht um Symptome einer anderen Erkrankung ist die Überweisung an den Kopfschmerzspezialisten der nächste Schritt. Wer schon länger an Kopfschmerzen leidet und sich über neue Therapiemöglichkeiten informieren möchte, sollte sich ebenfalls an seinen Spezialisten wenden.
Mehr zu den Inhalten der einzelnen Referate der Tagung finden Sie auf
www.ig-kopfschmerz.ch
Brigitte Obrist, Patientendelegierte, ig-kopfschmerz, Schweiz




