Kopfschmerzen nach einer HWS-Beschleunigungsverletzung (auch „Schleudertrauma“ genannt)

Prof. Dr. med. Adrian M. Siegel

Neben Nackenschmerzen gehören posttraumatische Kopfschmerzen zu den häufigsten Beschwerden nach HWS-Beschleunigungstrauma. So kam es bei 82% bis 90% von Verunfallten mit HWS-Beschleunigungsverletzung zu posttraumatischen Kopfschmerzen. (51,61,62)

Hinsichtlich des Einsetzens der Kopfschmerzen lässt sich eine Akutphase von einer chronischen Kopfschmerzphase abgrenzen.


Akute Phase

Akute Kopfschmerzen nach einer HWS-Beschleunigungsverletzung sind ein häufiges Beschwerdebild. So zeigte eine Studie mit 80 Verletzten nach HWS-Beschleunigungstrauma, dass 62% der Verletzten bereits innerhalb der ersten 24 Stunden und bei 86% innerhalb der ersten Woche Kopfschmerzen hatten. (51) Andere Studien zeigten ebenfalls, dass mehr als 50% der Verletzten innerhalb der ersten beiden Tage nach dem Unfall Kopfschmerzen enwickeln. (63,64)


Ob es nach einem HWS-Beschleunigungstrauma zu Kopfschmerzen kommt, hängt nicht von der Schwere des Unfalles ab. (64) Üblicherweise sind die Kopfschmerzen initial leicht. Die Schmerzqualität ist bei etwa 77% dumpf-drückend, wird aber teilweise als stechend oder brennend angegeben. (61,62,64) Die Kopfschmerzen sind bei 46% der Verunfallten okzipital lokalisiert, bei 34% generalisiert und bei 20% in anderer Lokalisation, (51) wobei die Schmerzen sehr häufig okzipital beginnen und nach frontal ausstrahlen. Die akuten Kopfschmerzen nach HWS-Beschleunigungstrauma sind üblicherweise Muskelkontraktions- und Muskelansatzschmerzen auf Grund von Zerrungen der Nackenmuskulatur. Differentialdiagnostisch muss bei starken akuten Hals- und/oder Nackenschmerzen (sei es mit oder ohne zusätzliche neurologische Defizite wie z.B. einem Horner-Syndrom etc.) immer auch an eine Verletzung der Halsschlagadern gedacht werden. So gibt es einige wenige Berichte über durch einen Auffahrunfall bedingte Dissektion der A. carotis oder A. vertebralis. (56-67) Erstmanifestationen einer Migräne als Unfallfolge sind selten, jedoch insbesondere bei jüngeren Patienten möglich (ca. 2%). (61,62)

Daneben gibt es Berichte, dass eine HWS-Beschleunigungsverletzung akut auch zu einem Temporo-mandibulargelenk-Syndrom führen kann. (68)


Chronische Phase


Die meisten posttraumatischen Früh-Kopfschmerzen sind vorübergehend: Etwa die Hälfte sistiert innerhalb der ersten Woche nach dem Unfall und bei zwei Drittel der Verunfallten verschwinden die Kopfschmerzen während der ersten beiden Monate nach dem Unfall. (69)

Dauern die Kopfschmerzen jedoch länger als drei Monate, so spricht man von chronischen Kopfschmerzen. Radanov fand bei 117 Verletzten mit HWS-Beschleunigungstrauma, dass nach drei Monaten noch 35% und nach sechs Monaten noch 27% an Kopfschmerzen litten. (63) Bei einer nicht geringen Anzahl der Verletzten stellen sich die Kopfschmerzen erst nach Wochen oder sogar Monaten ein. (63,70,71) Wie bei den akuten Kopfschmerzen findet sich ebenfalls keine Korrelation zwischen der Häufigkeit von chronischen Kopfschmerzen und dem Schweregrad des Unfalles bzw. des HWS-Beschleunigungstraumas. (64) Die Schmerzqualität chronischer Kopfschmerzen ist inter- und weniger auch intraindividuell variabel. Die Kopfschmerzen können intermittierend oder permanent sein. So waren bei mehr als 50% der Verletzten die Kopfschmerzen permanent vorhanden, währenddessen 40% einmal oder mehrfach pro Woche unter Kopfschmerzen litten. Etwa 50% der Verletzten wachen bereits mit Kopfschmerzen auf und bei zwei Drittel sind die Kopfschmerzen während des Morgens betont. (51) Die Schmerzen, die sowohl leicht als auch sehr stark empfunden werden können, finden sich fokal oder diffus generalisiert.

Findet man eine Chronifizierung der initialen Kopfschmerzen, spricht man – sofern die Kopfschmerzen wie üblich mit Nackenschmerzen gemeinsam vorkommen – von einem „zerviko-zephalen Syndrom“, wobei sich das zephale Syndrom auf Kopfschmerzen im Hinterhauptsbereich bezieht. Die Muskelkontraktions- und Muskelansatzschmerzen machen analog wie bei den akuten Kopfschmerzen die häufigste Kopfschmerzform aus. So finden sie sich bis zu 85%. (72) Daneben finden sich aber auch isoliert oder kombiniert mit persistierenden Muskelkontraktions- und Muskelansatzschmerzen andere Kopfschmerztypen wie Migräne mit oder ohne Aura (v.a. visuelle), (73,74) Spannungskopfschmerz, Basilarismigräne, (75) Okzipitalneuralgien, (76) zervikogener Kopfschmerz, Cluster Kopfschmerz, (22,77,78) und medikamenteninduzierter Dauerkopfschmerz. (60,64,69,70,79)

Eine posttraumatische Migräne ist gar nicht so selten. So hatte ein Drittel der Verletzten mit posttraumatischen Kopfschmerzen eine Migräne. (70) Eine Migräne kann sich sowohl erst nach dem Unfall ausbilden, sie kann aber auch eine akzentuierte Form einer vorbestehenden Migräne darstellen. Des Weiteren kann eine posttraumatische Migräne das Resultat eines vorbestehenden anderen Kopfschmerztypes sein, der in eine Migräne transformierte. (64) Die Okzipitalneuralgie kann durch einen direkten Schlag auf die subokzipitale Region (Kopfstütze) oder durch ein muskuläres Entrapment verursacht sein. Ob es sich bei den Kopfschmerzen nach HWS-Beschleunigungstrauma um eine Okzipitalneuralgie oder um ausstrahlende Muskelschmerzen von den Mm. trapezius, semispinalis capitis, semispinalis cervicis, rectus capitis posterior minor et major, obliquus capitis superior et inferior handelt, ist häufig schwierig zu  unterschieden, da die Schmerzausbreitung und -auslösung durch subokzipitalen Druck ähnlich ist. Bei chronischen Kopfschmerzen nach HWS-Beschleunigungstrauma findet man sehr häufig einen durch Schmerzmittel medikamenteninduzierten Dauerkopfschmerz, bei dem sich ein circulus vitiosus (Teufelkskreis) finden lässt. So ist meist nicht bekannt, dass langwieriger Analgetika-Konsum zu einer Chronifizierung von Schmerzen führen kann, was wiederum zu vermehrtem Analgetika-Konsum führt etc. In solchen Fällen ist es ganz wichtig, den Schmerzmittelüberkonsum zu beenden.


(Die Literatur kann beim Autor angefragt werden)