Kopfschmerzen sind auch geisteswissenschaftlich zu erklären

 

Mark J. Emmenegger / Februar 2013  

 

Darf ich Ihnen, Anna vorstellen, eine 30-jährige Frau mit Kopfschmerzen.

 

Aus der Innenperspektive, aus der Perspektive der Erstperson erlebt Anna die Kopfschmerzen subjektiv, sie leidet; der Normalzustand ist nicht mehr möglich, es herrscht Ausnahmezustand. Anna hat ängstliche Sorgen, die Kontrolle zu verlieren, Sorge verletzt zu sein, Sorge geschädigt zu bleiben. Diese Schmerzen, diese Sorgen, diese Angst sind prioritär, privat, persönlich und intim. 

 

Von der Innen- zur Aussenperspektive

Dieser subjektiven Innenperspektive steht die objektive Aussenperspektive gegenüber. Wie kann die Innen- die Aussenperspektive erreichen; wie können Kopfschmerzen kommuniziert werden? Alle Fähigkeiten der Patienten sind durch die Kopfschmerzen betroffen: die Wahrnehmung, die Emotionen, die Körperlichkeit, die sozialen Beziehungen und insbesondere die Kommunikationsfähigkeit. Virginia Woolf hat diese Kommunikationsunfähigkeit zusammengefasst: “ … let a sufferer try to describe a pain in his head to a doctor and the language at once runs dry”.

 

Kopfschmerzen lösen verbale und nonverbale Äusserungen aus. Diese Äusserungen sind Zeichen, Symbole der Schmerzen, welche der Betrachter erkennen, interpretieren und decodieren muss. 

 

Ernst Cassirer, der Philosoph sagt dazu, dass ein Phänomen seine Evidenz erst im Rahmen eines Deutungssystems erhält. Was sind diese geisteswissenschaftlichen Deutungssysteme? Eine Antwort darauf gibt uns der Begründer der Theorie der Geisteswissenschaften, Wilhelm Diltheys „Geisteswissenschaft ist die Wirklichkeit, die thematisiert wird des sich orientierenden Menschen mit  allem Tun und Auffassen, allen Zuständen, Leistungen und Werke“. 

 

Die Soziologie als Disziplin der Geisteswissenschaft offeriert einen Zugang zu Kopfschmerzen, mit dem Stichwort des Rollensets: Erst durch die soziale Akzeptanz der Rolle und der Komplementär-Rolle kann das Gefüge von Arzt und Patient mit seiner Umgebung funktionieren, indem sie sich gegenseitig rechtfertigen: der Arzt im Rollenset mit dem Patienten, den Angehörigen, den Behörden, der Universität, dem Verband und der eigenen Familie. Jede dieser sozialen Rollen ist verknüpft mit Berechtigungen und Verpflichtungen. So ist Anna berechtigt, Hilfe zu suchen, sich zurückzuziehen, entlastet zu werden, ein Arztzeugnis zu erhalten. Sie ist verpflichtet, die Leidensgeschichte zu erzählen, dem Arzt zu vertrauen und an der Genesung mitzuwirken (Compliance).

 

Uns stehen verschiedene Mittel zu Verfügung, Kopfschmerz auszudrücken: Beschreiben (Sprache), Sehen (Kunst), Hören (Musik), Erdulden (Religion). Viele Dichter haben den Schmerz in literarischen Werken beschrieben und dabei die Verletzlichkeit des Körpers und der Seele betont. Stellvertretend für viele zitiere ich aus Frost von Thomas Bernhard. „Heute habe ich solche Schmerzen, dass jeder Schritt eine Qual ist. Denken Sie sich eine Flüssigkeit in Ihrem Kopf, wie siedendes Wasser, die ganz plötzlich zu Blei erstarrt und gegen die Schädeldecke saust. … Die Schmerzen in meinem Kopf, an einem bestimmten ausserwissenschaftlichen Grad der Unerträglichkeit …“

 

Wenn der Schmerz unerträglich wird, wenn er nicht mehr in Worte gefasst werden kann, bleibt nur noch: der Schrei, das Weinen und das Schweigen. Ludwig Wittgenstein, hat gestanden: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Johann Sebastian Bach hat nicht geschwiegen; er hat den Schmerz und das Leiden musikalisch auszudrücken. Er schuf 1727 die gewaltige, oratorische Matthäus-Passion. Sie erzählt wie verzweifelt der Gottessohn darum kämpft, nicht hingerichtet zu werden und seinen Vater um Hilfe bittet, die er aber nicht bekommt. Dass die Matthäus-Passion ein geisteswissenschaftliches Kulturgut zum Thema Kopfschmerz darstellt, belegt das Zitat: „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden, mit einer Dornenkron“.

Die soziale Bedeutung von Schmerzen ist kaum deutlicher darzustellen als im Pressebild 2011 von Samuel Aranda, als emotionale Reaktion auf Emotionen (Empathie) und als Sorge um das Wohlergehen einer Person (Mitgefühl).

 

Meine Reaktionen auf Kopfschmerzen, meine Sorge um das Wohlergehen des Leidenden sind nicht die Heilung, aber eine wohltuende Linderung, aus dem Gebiet der Geisteswissenschaft.        

 

Unser Leben ist eingebettet in der Polarität zwischen Schmerz und Glück (conditio humana). Jeremy Bentham, der Begründer des Utilitarismus hat dies zusammengefasst? „Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and pleasure”.

Gibt es eine Möglichkeit, Kopfschmerzen besser zu verstehen? Wenn Schmerzen Mittel zum Zweck werden, wenn Schmerzen erklärbar und begründet sind, sind sie einfacher zu ertragen: Schmerzen in der Religion (Erlösung), Schmerzen bei Askese (Überwindung), Schmerzen bei gerechter Strafe (Moral), Schmerzen beim Extremsport (Grenzerfahrung), Schmerzen beim Sado-Masochismus (Lust). Wahrscheinlich gehören sekundäre Kopfschmerzen als Anzeiger einer Krankheit zu dieser Gruppe. Wenn Schmerzen aber Zweck sind, werden sie unerträglich und sind mit mehr Leiden verbunden wie beispielsweise Schmerzen bei Demütigung, Schmerzen bei Diskriminierung, ungerechter Strafe und Folter. Der kanadische Philosoph Leonard Wayne Sumner schreibt: How physical pain feels to us, how much it hurts, is one thing; how much it matters to us is another. 

Biomedizin gegen oder mit Humanismus?

Was sagen Biomediziner zu Kopfschmerzen? Sie beschreiben die elektrische Aktivität, die Stoffwechselreaktionen mit PET und fMRI, die hämodynamischen Folgen und die pharmakologischen Behandlungsoptionen.

 

Der Humanist kritisiert, dass die Biomedizin die Wirklichkeit nur teilweise abbildet und somit unvollständig ist, dass sie unfähig ist, Erlebnisse, Gedanken und Gefühle der Kopfschmerzen darzustellen, dass die kulturellen Elemente des Leidens ausklammert und somit alle geisteswissenschaftlichen Aspekte vernachlässigt. Der physikalistische Biomediziner behauptet, dass die Physik vorrangig und allumfassend ist, weshalb jede andere Version letztlich auf diese reduziert werden muss. 

 

Kann sich die Biomedizin mit dem Humanismus versöhnen?  Eine Möglichkeit der Versöhnung zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft bietet der britische Philosoph und Mathematiker Alfred Whitehead durch sein Kategorienschema. Dabei geht es um eine zusammenhängende Betrachtungsweise von fünf Kategorien.  1. Subjektivität mit der Individualität, der  Phänomenologie, der Emotionalität. 2. Objektivität, mit der Biomedizin, der Technologie und der Empirie. 3. Symbole mit der Sprache, der Kunst und der Musik. 4. Grenzen der Objektivität, ihre Verfehlungen und Formen, Metaphysik. 5. Zusammenhang zwischen Biomedizin und Geisteswissenschaft, Konflikte und Gemeinsamkeiten.

 

Kopfschmerzen sind Grenzsituationen der menschlichen Existenz. Ihr Zugang darf nicht nur monopolistisch oder physikalisch sein. Der Erfolg der Naturwissenschaft auf dem Gebiet der Kopfschmerzen ist unbestritten; daraus einen vorrangigen Standpunkt mit privilegiertem Wahrheitsanspruch abzuleiten ist unberechtigt, denn nur ein pluralistisches Verständnis von Kopfschmerzen kommt der Wirklichkeit nah.

 

Als kultivierte Ärzte ist es unsere moralische Aufgabe und unsere humane Pflicht dem Patienten gegenüber, einerseits das Objektive, anderseits das Humanistische mit seinen individuellen, sozialen, psychologischen, künstlerischen, religiöse, emotionalen, und vor allem philosophisch-ethische  Aspekten, in Einklang zu bringen. „Medical humanity“ ist für einen wahren Arzt unverzichtbar und nicht verhandelbar.

 

Gibt es derartige Ärzte? Ja, viele waren es schon immer, einige denken darüber nach, wenige werden uneinsichtig bleiben.