18.11.2010


26. Jahrestagung der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft in Zürich

Bei der diesjährigen Tagung der Schweizerischen Kopfschwehgesellschaft ging es hauptsächlich um effizientere Therapien bei chronischen Kopfschmerzen, insbesondere bei chronischer Migräne.
Ein weiteres Schwerpunktthema war auch die Frage, ob man mit chronischen Kopfschmerzen arbeiten kann.

Spuren im Gehirn
Hinterlassen chronische Schmerzen Spuren im Gehirn?
Dieser Frage ging Dr. F. Riederer in seinem Referat nach. In dem von ihm vorgestellten Forschungsprojekt wurde mit MRI-Bildern aufgezeigt, dass chronische Schmerzen Veränderungen im Gehirn verursachen, und diese sich auch wieder zurückbilden, wenn die Schmerzen verschwinden. Das Verfahren dient jedoch lediglich der Forschung und ist nicht für den Einzelfallnachweis geeignet.

Chronisches Kopfweh macht arbeitsunfähig
Prof. A. Siegel und Dr. H. Stöckli zeigten in einer interessanten Debatte über die Frage: „Chronisches Kopfweh macht arbeitsunfähig“, dass die Diagnose alleine nicht ausreicht, um eine Arbeitsunfähigkeit bei chronischen Kopfschmerzen zu begründen.

Viele Patienten kommen zum Arzt und wollen ein Zeugnis für Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Kopfschmerzen. Doch um ein solches ausstellen zu können, muss der Arzt wissen, wie der Arbeitsplatz aussieht. Welche Leistungen und welche Präsenzzeiten gefordert werden. Die Arbeitsunfähigkeit ermittelt sich daher aus der (noch) zu erbringenden Leistungsfähigkeit in Prozenten und der Stunden, die pro Tag gearbeitet werden können.
Muss ein Patient krankgeschrieben werden, so erfordert das auch, dass man diese Krankschreibung regelmässig überprüft. Auch Patienten sollten sich bewusst sein, dass man schneller aus dem Arbeitsmarkt fällt, wenn man über längere Zeit vollständig krankgeschrieben ist, als wenn man nach einer Therapie wieder versucht, teilweise Fuss zu fassen.

Die Haltung des Arztes und der Therapieerfolg
Dr. Ch. Schopper griff in seinem Referat das Thema des Verhältnisses Arzt – Patienten auf.
Oft scheitern Therapien am Widerstand des Patienten. Diese Widerstände basieren oft auf Missverständnissen oder auf schlechten Erfahrungen mit Ärzten. Darunter fallen eigene oder solche die nahestehende Verwandte gemacht haben. Auch die Tatsache, dass Kopfschmerzpatienten die leidvolle Erfahrung gemacht haben, dass sie nicht ernst genommen werden, beeinflusst das Verhältnis zum Arzt. Dr. Schopper plädierte dafür, dass Ärzte sich mehr Zeit nehmen sollten, solchen Widerständen auf den Grund zu gehen und allfällige Zweifel und Ängste zu beseitigen, um den Weg für eine erfolgreiche Therapie freizumachen. Dazu müssen seiner Meinung nach die „Somatiker“ auch etwas von Psychologie verstehen und die „Psychiker“ sich auch vermehrt mit der somatischen Seite der Leiden befassen.  
 
Integrierte Versorgung als Zukunftsmodell
Dr. C. Gaul aus Deutschland stellte am Beispiel des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums der Universitätklinik Essen die integrierte Versorgung als Zukunftsdmodell vor.
Integrierte Versorgung von Kopfschmerzpatienten erfordert neue Infrastrukturen, flexiblere Verwaltungen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit von Institutionen und niedergelassenen Ärzten. Anfängliche Mehrkosten würden sich schnell durch weniger Arbeitsausfälle und grössere Therapieerfolge amortisieren. Ausserdem können solche Modelle dem grossen Widerstand von Patienten (86% wollen keine Prophylaxe) gegen die Prophylaxe entkräften.

Der Vorteil der integrierten Versorgung liegt darin, dass man mehr Zeit hat für den Patienten, dass die Abklärung durch mehrere Fachrichtungen (interdisziplinär) erfolgen kann und auch längere Aufenthalte zur Etablierung einer Therapie möglich sind.
Viele verzweifelte Patienten glauben, wenn sie nur ins Spital könnten, dann würde ihnen geholfen. Das ist laut Dr. Gaul ein Irrtum. Akutspitäler sind nicht auf die Behandlung von Kopfschmerzpatienten ausgerichtet. Wenn überhaupt ein stationärer Aufenthalt angezeigt ist, dann nur in einer Klinik, die speziell auf Kopfschmerzen und nicht Schmerzen generell ausgerichtet ist.

Zur Zeit gibt es in der Schweiz kein solches Angebot mehr. Ein entsprechendes Projekt ist jedoch in Planung.

Neues zur Therapie mit Neurostimulatoren
Dr. A. Gantenbein von der Kopfschmerzambulanz des Unispital Zürich stellte einen neuen Fall eines Clusterpatienten, bei dem die Occipitalnervstimulation ONS durchgeführt wurde, vor. Die Attackenfrequenz ging unmittelbar nach dem Eingriff von 6 auf 1-2 pro Tag zurück.
Bevor eine ONS durchgeführt wird, bedarf es aber umfassender Abklärungen. Nach wie vor ist die OP nicht für jeden Clusterpatienten geeignet. Somit können auch jene beruhigt sein, die befürchten die ONS könnte ihnen durch die Sozialversicherungen wegen der verschärften Gesetzgebung als „zumutbare“ Therapie aufgezwungen werden.
Ob die ONS für Migräniker geeignet ist, weiss man noch nicht. Dazu ist die Datenlage noch zu wenig aussagekräftig.

News, Zahlen und Fakten
Nach wie vor geht man davon aus, dass nur für 50% der Migräniker eine wirksame Akuttherapie erhalten (bei der medikamentösen Prohphylaxe ebenfalls). Das neue Migränemedikament, das auf den Markt kommt, zeigt keine höhere Wirksamkeitsrate in den bisherigen Studien. Das führt dazu, dass Patienten nach jedem Strohhalm greifen, der ihnen teils durch zweifelhafte Quellen angeboten wird. Fakt ist nun mal, dass Kopfschmerzpatienten nicht eine Linderung ihres Leidens wollen, sondern gar keine Schmerzen mehr. Die Verfasserin dieses Berichtes schliesst sich da nicht aus.

Trotzdem empfiehlt die SKG keine der Operationen, die für Migräne angeboten werden. Alle invasiven Therapien konnten bis jetzt den Beweis einer Wirksamkeit, die über die zweifelhaften Einzelfallberichte hinausgehen, nicht erbringen. Es wird also nach wie vor davon abgeraten, sich unter’s Messer zu legen.

Wer neu an heftigen oder länger andauernden Kopfschmerzen leidet, sollte sich zuerst beim Hausarzt melden und von diesem die Kopfschmerzen abklären lassen. Handelt es sich bei den Kopfschmerzen nicht um Symptome einer anderen Erkrankung ist die Überweisung an den Kopfschmerzspezialisten der nächste Schritt. Wer schon länger an Kopfschmerzen leidet und sich über neue Therapiemöglichkeiten informieren möchte, sollte sich ebenfalls an seinen Spezialisten wenden.

Mehr zu den Inhalten der einzelnen Referate der Tagung finden Sie auf
www.ig-kopfschmerz.ch

Brigitte Obrist, Patientendelegierte, ig-kopfschmerz, Schweiz